Der Architekt
Franz Joseph „Sep“ Ruf, geboren und gestorben in München, gehört zu den bedeutendsten Architekten der deutschen Nachkriegszeit. Transparenz, schwebende Leichtigkeit, präzises Detail – sein Kanon steht schon im Haus an der Theresienstraße.
München, Nürnberg, München.
Sep Ruf wird am 9. März 1908 in München geboren, als Sohn eines Versicherungsinspektors. Von 1917 bis 1926 besucht er die Luitpold-Kreis-Oberrealschule, anschließend studiert er von 1926 bis 1931 Architektur an der Technischen Hochschule München bei German Bestelmeyer. Reisen nach Italien und die Auseinandersetzung mit dem Bauhaus prägen ihn früh; 1930 findet ein Entwurf für preiswerte Wohnhäuser im Bauwelt-Wettbewerb Beachtung.
1931 macht er sich in München selbständig, zeitweise gemeinsam mit seinem Bruder Franz, ebenfalls Architekt. Schon in den dreißiger Jahren entstehen Wohnhäuser und Möbel – der Klappstuhl von 1936 gehört bis heute zu seinen bekanntesten Entwürfen. 1938 heiratet er Aloisia Mayer; die Tochter Notburga und der Sohn Gregor werden beide Architekten.
1947 wird Ruf Professor für Architektur und Städtebau an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, für die er 1952–54 den eigenen Neubau am Rande des Reichswalds entwirft: flache, pavillonartige Trakte im Wald, eines der Schlüsselwerke der Nachkriegsmoderne. 1953 wechselt er an die Akademie der Bildenden Künste München, deren Präsident er von 1958 bis 1961 ist; bis 1972 lehrt er dort.
Seine Büros liegen in München an der Keferstraße, der Giselastraße und der Franz-Joseph-Straße, zuletzt in Grünwald. Ruf wird mit dem Bayerischen Verdienstorden (1973) und dem Bundesverdienstkreuz (1976) ausgezeichnet. Er stirbt am 29. Juli 1982 in München.
„Das Einfamilienhaus konzipiert man heute schon so, dass man ein differenziertes Wohnen hat, ein großes Fenster, einen großen Raum, einen Garten. Das müssen wir aber auch im sozialen Wohnungsbau denjenigen geben, die sich das Einfamilienhaus nicht leisten können.“Sep Ruf · Darmstädter Gespräch „Mensch und Raum“ · 1951
Ausgewählte Bauten.
Das Haus an der Theresienstraße eröffnet Rufs produktivste Phase. Was hier im Kleinen steht – Glas, Stützen, schwebendes Dach – wird in Nürnberg, Brüssel und Bonn zum Programm.
- 1950–51Wohnhochhaus Theresienstraße 46/48München · Verein zur Behebung der Wohnungsnot
- 1950–54Wohnbauten für die Wohnbau-TreuhandgesellschaftMünchen u. a. Peter-Anzinger-Straße / Tegernseer Landstraße
- 1952–54Akademie der Bildenden KünsteNürnberg · Pavillons im Reichswald
- 1954–57Neue MaxburgMünchen · mit Theo Pabst · Justizgebäude mit Ladenpassage am Lenbachplatz
- 1958Deutscher Pavillon, Weltausstellung Brüsselmit Egon Eiermann · acht gläserne Pavillons auf Stützen
- 1960St. Johann von CapistranMünchen-Bogenhausen · Rundkirche
- 1963–64KanzlerbungalowBonn · für Ludwig Erhard
- 1965–69Gebäude Allgemeine Wissenschaften, TU MünchenMünchen · 2007 abgebrochen
- 1969–72Institutsgebäude der LMUMünchen · Univiertel
Architekt, Bauherr, Möbelwähler.
An der Theresienstraße war Ruf nicht nur Entwerfer. Als stellvertretender Vorsitzender der Münchner Zweigstelle des Vereins zur Behebung der Wohnungsnot stand er auch auf der Seite des Bauherrn – eine Konstellation, die den Bau in nur elf Monaten vom Bauantrag zum Erstbezug brachte. Für die Musterwohnungen im April 1951 wählte er die Möbel selbst aus: seinen Klappstuhl, den Kufentisch mit Glas- oder Linoleumplatte, eine Couch der Ellwanger Heimindustrie. Und er entwarf Anfang der fünfziger Jahre für die Wohnbau-Treuhandgesellschaft eine Einbauküche, die in der Tradition der Frankfurter Küche Margarete Schütte-Lihotzkys steht.
Dass ein Haus mit 42 Wohnungen zu 51 bis 68 Quadratmetern so großzügig wirken kann, ist die eigentliche Pointe seines Entwurfs: Die Weite entsteht nicht aus der Fläche, sondern aus dem Licht – aus raumhohen Fenstern ohne Sturz und Brüstung und dem durchlaufenden Balkon davor. Was Ruf 1951 in Darmstadt für den sozialen Wohnungsbau forderte, hatte er an der Theresienstraße bereits gebaut.
Sep Ruf Gesellschaft und Sep-Ruf-Pfad
Die Sep Ruf Gesellschaft e. V. pflegt das Werk des Architekten, veranstaltet Vorträge, Führungen und die Reihe „Sep Ruf Talks“ und hat zum 70. Jubiläum des Hauses 2021 die Dokumentation „Sep Ruf Haus 70“ herausgegeben. Der Sep-Ruf-Pfad der Landeshauptstadt München führt zu seinen Bauten in der Stadt – die Theresienstraße 46/48 ist eine der Stationen.
Zum Weiterlesen.
- AIrene Meissner: Sep Ruf 1908–1982. Leben und Werk.Deutscher Kunstverlag, Berlin 2013, 3. Auflage 2025 – die Werkmonographie mit Werkverzeichnis
- BWinfried Nerdinger (Hrsg.): Sep Ruf 1908–1982. Moderne mit Tradition.Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2008 – Katalog zur Ausstellung des Architekturmuseums der TU München
- CNeue Deutsche Biographie: Ruf, Sep (eigentlich Franz Joseph).Deutsche Biographie, online
- DSep Ruf Gesellschaft e. V.: Informationen zu Sep Ruf.Biografie und Werkübersicht