Das Haus · Theresienstraße 46/48

Geschichte &
Architektur

Vom Grundstück der Deutschen Arbeitsfront zum Modellprojekt des selbstgenutzten Wohneigentums, vom „Glaskasten“ zum Baudenkmal. Die Geschichte des Hauses, rekonstruiert nach Irene Meissners Werkmonographie und den Quellen der Sep Ruf Gesellschaft.

01 · Lage

Das Gebäude steht an der Nordseite der Theresienstraße an der Kreuzung mit der Türkenstraße, unmittelbar westlich des Stammgeländes der Technischen Universität München. Ruf setzte den Baukörper hinter die alte Baufluchtlinie zurück, sodass zur Theresienstraße hin ein Vorbereich entstand. Heute liegt das Haus im Kunstareal, gegenüber dem 2009 eröffneten Museum Brandhorst und in Sichtweite der Pinakothek der Moderne. Das Eckgrundstück trug vor dem Krieg die Adresse Türkenstraße 19; mit dem Neubau wurde diese Hausnummer eingezogen, das Haus wird seither allein unter Theresienstraße 46/48 geführt.

Schrägluftbild der Maxvorstadt mit dem Sep-Ruf-Haus im Zentrum und Verbindungslinien zu Pinakotheken, Königsplatz, LMU, Akademie, Odeonsplatz, Frauenkirche und Residenz
Lagebild · Theresienstraße 46/48 im Viertel · Bildmaterial Google Earth, Beschriftung Maxvorstadt Vibes

02 · Grundstück und Bauherr

Entlang der Theresien- und der Türkenstraße hatte während der NS-Zeit vor allem die Deutsche Arbeitsfront zahlreiche Liegenschaften erworben. Nach 1945 gingen diese Vermögenswerte gemäß der alliierten Kontrollratsdirektive Nr. 50 an die bayerische Landesregierung über, die die im Krieg zerstörten Grundstücke zum Verkauf anbot. Am 4. April 1950 erwarb der Verein zur Behebung der Wohnungsnot e. V. die Grundstücke an der Theresien- und Türkenstraße.

Die 1948 in Nürnberg gegründete Vereinigung, die später unter dem Namen Wohnbau-Treuhandgesellschaft mbH firmierte, hatte in Nordbayern mehrgeschossige Wohnhäuser errichtet, deren Bewohner Miteigentümer wurden. Die ersten nach dem Prinzip des selbstgenutzten Eigentums errichteten Wohngebäude – einer in Deutschland damals völlig neuen Form der Finanzierung – waren 1949 auf der Bauausstellung in Nürnberg gezeigt worden. Der Verein gründete daraufhin unter anderem in München eine Zweigstelle, deren stellvertretender Vorsitzender Sep Ruf wurde. Ruf übernahm für den Verein die Planung mehrerer Münchner Wohnbauprojekte, darunter das Gebäude an der Theresienstraße, das im Rahmen des sozialen Wohnungsbauprogramms nach dem Ersten Wohnungsbaugesetz vom 24. April 1950 als Miteigentum entstehen sollte. Architekt und Vereinsfunktionär in einer Person – das erklärt das Tempo der folgenden Monate.

03 · Planung und Genehmigung

Der Entwurf knüpfte an eine städtebauliche Studie an, die Robert Vorhoelzer 1946 im Auftrag des bayerischen Kultusministeriums für den Wiederaufbau der Maxvorstadt und Schwabings erarbeitet hatte. Sie sah eine aufgelockerte, durchgrünte Bauweise und die Zurücksetzung der alten Bauflucht vor. Vorhoelzer, im April 1950 zu einer gutachtlichen Stellungnahme aufgefordert, lobte Rufs Entwurf ausdrücklich: Ruf verfolge eine „Auflockerung nach den Grundsätzen von Licht, Luft, Sonne und Abkehr von der Blockbebauung mit den toten Winkeln“.

Mit 23 Metern war das Haus nicht nur rund zehn Meter höher als die Vorkriegsbebauung, sondern überschritt auch die seit 1904 geltende Münchner Staffelbauordnung, nach der kein Gebäude vom Bürgersteig bis zur Dachrinne 22 Meter übersteigen und die Höhe nicht mehr als die Breite der Straße betragen durfte. Ein Bau mit mehr als fünf Geschossen galt bereits als Hochhaus; seine Errichtung bedurfte in München einer Sondergenehmigung der Regierung von Oberbayern. Das Baugesuch vom 30. Mai 1950 wurde mit Beschluss vom 19. Juli 1950 genehmigt; für die Nichteinhaltung der Baulinie und die Überschreitung der zulässigen Stockwerkszahl wurden Dispense erteilt.

04 · Bau und Bezug

Der Rohbau stand nach sieben Wochen; im April 1951 war der Bau fertiggestellt. Die Wohnungen kosteten je nach Lage und Größe zwischen 14.000 und 18.000 DM. Das Finanzierungsmodell sah vor, dass die Käufer ein Fünftel der Summe beim Einzug entrichteten und anschließend monatlich zwischen 80 und 100 DM zahlten; nach zehn Jahren halbierte sich dieser Betrag, nach 27 Jahren gingen die Wohnungen vollständig in das Eigentum der Bewohner über.

Um das Kaufinteresse zu wecken, waren auf Anregung Rufs vom 7. bis 15. April 1951 im Osthaus vollständig eingerichtete Musterwohnungen zu besichtigen, für die er auch die Möbel ausgewählt hatte – darunter Entwürfe aus seiner eigenen Hand wie der Klappstuhl von 1936 und der Kufentisch. Die Münchner kamen in Scharen. Ein Modell des Gebäudes zeigte der Verein 1951 auf der Bauausstellung Constructa in Hannover.

05 · Baukörper und Städtebau

Ruf entwarf für das Grundstück einen schmalen, achtgeschossigen Baukörper in Form einer Wohnscheibe. Im Erdgeschoss sah er Läden vor, darüber 42 als Dreispänner organisierte Wohnungen mit Größen zwischen 51 und 68 Quadratmetern, die er nach Süden mit raumhohen Fensterelementen ohne Sturz, Brüstung oder Schwelle öffnete. Die davorliegenden dünnen Balkone unterstreichen die Leichtigkeit und Transparenz der Anlage.

Um den Baukörper in den städtebaulichen Kontext einzubinden, nahm Ruf die Ecksituation an der Straßenkreuzung auf: Er gab der vor Kopf liegenden Wohnung an der Türkenstraße eine geringere Tiefe und ließ den durchlaufenden Balkon über die Gebäudekante auskragen. Den oberen Abschluss bildet ein Flachdachüberstand auf Metallstützen in Blockhöhe. Trotz der verhältnismäßig geringen Grundfläche wirken die Wohnungen durch die aufgeglaste Fensterfront und die grazilen Balkone großzügig und hell. Damit stand die Anlage im Gegensatz zum zeitgenössischen sozialen Wohnungsbau mit seiner uniformen Lochfassade, kleinen Fenstern und Mini-Balkonen.

Architekturzeichnung der gesamten Südfassade des Sep-Ruf-Hauses mit Bäumen
Südansicht · Die ganze Wohnscheibe mit zurücktretendem Ostteil
Schräge Drohnenaufnahme des Sep-Ruf-Hauses von oben mit dem Flachdach, der Ecke zur Türkenstraße und dem begrünten Hof
Von oben · Die Wohnscheibe an der Ecke Theresien-/Türkenstraße, dahinter der Hof mit der Garagenanlage · Drohnenaufnahme, Juli 2026

06 · Konstruktion und Ausstattung

Ruf wählte eine Schottenbauweise mit 32 Zentimeter starken Wänden aus Schüttbeton. Diese Bauweise, geringe Spannweiten und die Verwendung einfacher Materialien ermöglichten einen niedrigen Herstellungspreis von 38 DM pro Kubikmeter umbauten Raumes. Auf eine Zentralheizung wurde zugunsten von Luftheizöfen verzichtet; auf eine Unterkellerung verzichtete Ruf ebenfalls und verlegte Versorgungsräume sowie Garagen in einen rückwärtigen eingeschossigen Bau. Außen das Gegenstück zur robusten Konstruktion: filigrane Metallstützen, schlanke Balkonplatten, ein flach auskragendes Dach.

07 · Rezeption

In der Öffentlichkeit löste Münchens „erstes Wohnhochhaus“ kontroverse Diskussionen aus, vor allem weil die Bauform in Bayern bislang unbekannt war. Ein erstes Modellbauvorhaben dieser Art war 1946 in Hamburg mit den Grindelhochhäusern entstanden; die dortige Reihe von zwölf Scheibenhäusern mit neun bis vierzehn Geschossen wirkte allerdings wesentlich radikaler als Rufs achtgeschossige Bebauung an der Theresienstraße.

Viele Münchner Bürger wünschten sich „keine Revolution des Baustils“ und forderten, „München muß München bleiben“. In der Presse wurde das Gebäude mit seinen vom Boden bis zur Decke reichenden Fenstern abfällig als „Glaskasten“ tituliert. Der Architekturkritiker Hans Eckstein datierte hingegen mit der Fertigstellung des Baus den Beginn einer „zeitgemäßen städtebaulichen Ordnung“ Münchens. Zur Eröffnung schrieb er, das achtgeschossige Wohnhochhaus habe „für das so stark von konservativem Lokalgeist beherrschte Planen und Bauen in München größte Bedeutung“; es sei „der erste vollendete Neubau in – von Befangenheiten in historischen Reminiszenzen – völlig freien Formen“.

Für die Maxvorstadt blieb das Haus ein Einzelfall; exemplarisch vermittelt es aber bis heute eine Vorstellung vom geplanten Umbau eines ganzen Stadtviertels. Zu den wenigen vergleichbaren Münchner Bauten dieser Jahre zählt das 1953 von Georg Brenninger errichtete Wohn- und Geschäftshaus am Maximiliansplatz mit der ersten vorgehängten Glasfassade der Stadt. Erst im Laufe der Jahre wurden die von Ruf geschaffenen Qualitäten allgemein erkannt. Anlässlich des 70-jährigen Bestehens gab die Sep Ruf Gesellschaft 2021 eine Dokumentation mit Zeichnungen, Fotografien und Stimmen der Bewohner heraus. Der Architekt Dietrich Fink regte in diesem Zusammenhang an, den Vorbereich des Hauses vom „Abstandsgrün“ zu befreien und damit den ursprünglichen städtebaulichen Ansatz wieder erlebbar zu machen; unterstützt wurde der Vorschlag unter anderem von Winfried Nerdinger.

„Auflockerung nach den Grundsätzen von Licht, Luft, Sonne und Abkehr von der Blockbebauung mit den toten Winkeln.“Robert Vorhoelzer · Gutachten zum Projekt · 14. April 1950

08 · Sanierungen

Von 2007 bis 2008 wurde die Fassade denkmalgerecht instand gesetzt. Die Planung lag bei dem Büro Bauer Kurz Stockburger & Partner; Bauherrin war die Wohnungseigentümergemeinschaft. Im Mittelpunkt stand die statische Sicherung der Balkonplatten durch Betonsanierung, nachdem eine zu geringe Betondeckung und Bewehrungskorrosion zu Abplatzungen geführt hatten. Die Geländer wurden aus Sicherheitsgründen leicht erhöht und geringfügig nach außen versetzt, wodurch sich zugleich die nutzbare Balkonfläche vergrößerte; vom Straßenraum aus sind die Eingriffe kaum wahrnehmbar. Das Projekt wurde 2010 im Rahmen der Architektouren der Bayerischen Architektenkammer gezeigt.

Von 2011 bis 2014 sanierte der Architekt Max Otto Zitzelsberger, selbst Bewohner des Hauses, eine der Wohnungen im dritten Obergeschoss; das Ergebnis wurde von Sebastian Schels fotografisch dokumentiert. 2018 legten Arnold / Werner Architekten im Haus Nr. 48 zwei Wohnungen zu einer Einheit von rund 119 Quadratmetern zusammen.

09 · Denkmalschutz

Das Wohnhochhaus und die zugehörige Garagenanlage sind seit 1988 als Einzelbaudenkmal in die Bayerische Denkmalliste eingetragen (Aktennummer D-1-62-000-6867). Der Eintrag beschreibt das Objekt als „Wohnhochhaus, achtgeschossiger zurückgesetzter Stahlbetonbau in Schottenbauweise mit zurücktretendem Ostteil und erdgeschossiger Ladenzone, Flachdachüberstand auf Metallstützen in Blockhöhe, durchgehende Balkonzonen und raumhohen Fensterelementen, von Sep Ruf, 1950–52; mit Garagen“.

Die Erhaltungspflicht nach Art. 4 BayDSchG erstreckt sich damit nicht nur auf die äußeren Bauteile, sondern auch auf die bauzeitliche innere Bausubstanz und Ausstattung. Wer im Haus baut, tut das im Dialog mit der Unteren Denkmalschutzbehörde – vom Fensterelement bis zum Bodenbelag. Anzumerken ist, dass die Denkmalliste mit „Stahlbetonbau“ und „1950–52“ von Meissners Auswertung des Nachlasses Ruf abweicht, die Schüttbeton und die Fertigstellung im April 1951 belegt.

Chronik

1946 bis heute.

  1. 1946Vorhoelzer-Studie. Robert Vorhoelzer legt im Auftrag des Kultusministeriums einen Wiederaufbauplan für Maxvorstadt und Schwabing vor: aufgelockerte Bebauung, zurückgesetzte Bauflucht.
  2. 1948Verein zur Behebung der Wohnungsnot in Nürnberg gegründet; Modell des selbstgenutzten Miteigentums.
  3. 4. April 1950Der Verein erwirbt die kriegszerstörten Grundstücke an der Theresien-/Türkenstraße aus ehemaligem DAF-Besitz.
  4. 14. April 1950Gutachten Vorhoelzers zum Entwurf Rufs: „Licht, Luft, Sonne“.
  5. 30. Mai 1950Baugesuch eingereicht.
  6. 19. Juli 1950Baugenehmigung mit Dispensen für Baulinie und Geschosszahl.
  7. Herbst 1950Rohbau nach sieben Wochen fertig.
  8. April 1951Fertigstellung und Erstbezug. 7.–15. April: Musterwohnungen mit Möbeln nach Auswahl Sep Rufs.
  9. 1951Modell auf der Constructa in Hannover. Pressedebatte: „Glaskasten“ gegen „zeitgemäße städtebauliche Ordnung“.
  10. 1952Siegfried Kühnel malt „Neubau an der Theresienstraße“ (Münchner Stadtmuseum).
  11. 1953Überleitung in Wohnungs- und Teileigentum.
  12. 1988Eintragung in die Bayerische Denkmalliste (D-1-62-000-6867).
  13. 2007–2008Denkmalgerechte Fassaden- und Balkonsanierung (Bauer Kurz Stockburger & Partner).
  14. 2010Vorstellung der Sanierung bei den Architektouren der Bayerischen Architektenkammer.
  15. 2011–2014Sanierung einer Wohnung durch Max Otto Zitzelsberger.
  16. 2018Zusammenlegung zweier Wohnungen im Haus Nr. 48 (Arnold / Werner Architekten).
  17. 2021„Sep Ruf Haus 70“ – Dokumentation der Sep Ruf Gesellschaft zum siebzigsten Jubiläum.
  18. 202675 Jahre Sep-Ruf-Haus. Das Gebäude ist Station des Münchner Sep-Ruf-Pfads.
Literatur und Quellen

Weiter­führend.

Die Darstellung folgt in Datierung und Baubeschreibung der Werkmonographie von Irene Meissner, die den Nachlass Ruf im Architekturmuseum der TU München ausgewertet hat.

WeiterSep Ruf – Biografie & Werk
AnsehenFotos & Luftaufnahmen